Reise nach Mongolien
Copyrite by Despina Malakov
Das erste, an das ich mich erinnern kann, ist ein kleines Zimmer. Wenn man durch die Öffnung geht, liegt auf der rechten Seite ein Bett. Es ist ziemlich hart und unbequem, nicht wie dieses meiner Schwester. Auch nicht wie meins. Meins heißt Matratze und hat keine Beine. Nein, dieses Bett ist fast so hoch wie die Rundung auf der wir essen, nur viel schneller. Da muß man kurz liegen und ein paar Minuten danach aufstehen.
In dieses Zimmer kommen zwei Frauen, die wie Bleistifte aussehen - rein und raus - und ein Mann, dessen Spitzname Dok ist, sonst heißt er Freund. Sie müssen die Töchter von dem kleinen Mann sein, egal, was Dok sagt, sie tun es sofort.
Hier gibt es sehr schöne glitzernde Fische, ich sehe sie immer, wenn ich da liege. Sie schwimmen in der Luft mit ihren farbigen Schuppen und ab und zu zwinkern sie mir mit den Augen zu. Einen Fernseher gibt es auch. Er ist klein und hat ein eigenes Bett und viele Knöpfe. Dok nimmt einen zur Hälfte abgeschnittenen Apfel, befestigt ihn an einem Kabel, spuckt aus einer Tube grünes Gelee, mit dem er den Apfel bedeckt und fängt an, mich einzucremen. Das nennt er „Untersuchung“. Dabei guckt er mich nicht an. Nein, er sieht die ganze Zeit fern. Spricht mit meiner Mutter, ich glaube, er erzählt ihr den Film. Als er fertig ist, kommt eine seiner Töchter und wischt mir die Creme ab. Dann verschwinden alle in andere Zimmer – rein und raus, rein und raus – eine lange Schlange von Müttern mit ihren Kindern warten schließlich darauf, eingecremt zu werden.
"Ach, Otto!", sagt meine Mutter immer, wenn wir schon auf der Treppe sind. Sie sagt es soo nett, daß ich jedes Mal lächeln muss. Ich glaube, ihr gefallen die Fische auch.
Ich komme ursprünglich aus Mongolien. Das ist eine Insel, irgendwo in Amerika. Meine Mutter ist extra dahin gefahren, weil sie so großen Durst hatte, sagt Oma.
Stellen Sie sich vor, meine Mutter – sehr durstig – ist stundenlang nur meinetwegen gefahren! Während der Fahrt hat sie sich nicht gut gefühlt, ich glaube, sie ist seekrank geworden, hat es aber ausgehalten und... da bin ich! Zuerst habe ich mein rechtes Bein gezeigt, und alle haben lange Zeit darauf gewartet, das andere zu sehen.
Auf der Rückfahrt ging es meiner erschöpften Mutter noch schlechter. Sie habe sich schließlich Mongolien anders vorgestellt und habe nicht gewusst, wie mein Vater mit dieser Nachricht umgehen wird.
Und Überraschung!
So ein energisches Baby habe keiner erwartet. Ich bin fünf oder sechs Kilo schwer gewesen, fast eine Tonne, die Hälfte sei, wie mein Vater immer behauptet, in dem Kopf. Vielleicht ist er mir deswegen so wichtig.
Mir macht es großen Spaß, von meinem Bett mit dem Kopf nach unten zu fliegen. Die Erde war mit Stückchen aus Bäumen bedeckt, die verschiedene Figuren bilden. Jedes Mal, wenn ich sie mir angesehen habe, habe ich eine große Anziehung verspürt. Dann habe ich mir eins von den Holzstückchen ausgesucht und versucht, es mit meinem Kopf zu erwischen. So habe ich Dok, seine Töchter und die Fische kennen gelernt.
"Junge, Junge, das sollst du lieber nicht tun", hat es Oma irgendwann nicht mehr ausgehalten und nach einem kurzem Gespräch mit meinen Eltern, hat sie die Beine meines Betts weggeschafft. Seitdem bin ich privilegiert und darf direkt auf der Matratze schlafen. Das Fliegen wollte ich aber nicht aufgeben.
Nachdem ich ein paar Jahre die Fische bei Dok regelmäßig erforscht habe, war meine Mutter wieder schwanger. Nach der Fahrt nach Mongolien hat sie das Trinken aufgegeben und sich entschieden, diesmal unbedingt in Deutschland zu bleiben. Alle waren sehr besorgt. Meine Mutter ging ständig irgendwo alleine hin und als ich sie gefragt habe, wohin, antwortete sie: "In ein Zimmer für Mütter.""Gibt es da auch Fische?", wollte ich mich vergewissern. "Nein, nur Stühle und Fernseher." Meine Mutter wurde immer dicker und dicker und als es ihr schlecht wurde, habe ich sie beten gehört: "Lieber Gott, tue mir einen Gefallen und schick mich nicht wieder nach Mongolien!"
Mein Vater las zu der Zeit seine Zeitung in der Toilette. Als sie anfing zu stöhnen, kam er zusammen mit der Tür raus und die Zeitung hing aus seiner Hose. Kurz darauf kam ein Wagen und brachte meine Mutter, meinen Vater und seine Zeitung nach Deutschland. Ich blieb zu Hause bei Oma, habe mir überlegt, welches Holzstück ich mir dieses Mal aussuchen soll, ich hatte mittlerweile einen Lieblingsstuhl. Oma hat mich dabei erwischt und meinte, jetzt sei nicht der richtige Zeitpunkt, Fische zu beobachten. Sie stand am Fenster, genauso wie alle unsere Nachbarn. So vergingen ein paar Stunden und ich dachte mir, in diesem Zimmer müssen viele interessante Stühle und Fernseher sein, sonst wäre meine Mutter nicht so lange da geblieben.
Irgendwann spät am Abend kam Vater und sprach lange mit Oma in der Küche. In Deutschland sei alles in Ordnung, konnte ich hören.
Und so in Wolken eingewickelt, habe ich geträumt, wie ich und meine Schwester eine Weltreise unternehmen. Ich zeige ihr Mongolien und sie mir Deutschland.
Es folgten ein paar langweilige Tage. Ich habe nichts gemacht und es schien mir, alle haben mich vergessen. Oma hörte auf, ständig auf mich aufzupassen und Vater ging jeden Tag Mutter und die kleine Babyschwester besuchen. Ich glaube, in dieser Zeit bin ich echt selbständig geworden. Ich war schon groß.
Als beide nach Hause kamen, haben alle gefeiert. Mutter erzählte, daß viele kleine Männer meine Schwester untersucht haben und alles sei deutsch, nicht die Spur von Mongolien. In ihrem Zimmer gebe es Vögel, nicht Fische, aber mir war es egal, schließlich ist sie ein Mädchen – etwas muss sowieso anders sein.
Miriam war sehr klein, konnte nicht sprechen und die ganze Zeit lag sie im Bett und schlief. Sie hatte zuerst schwarze Haare, dann rote und wenn sie nicht schlief, dann hat sie gegessen. Ich stand stundenlang an ihrem Bett und habe gewartet. Alle hatten Angst, dass ich der Kleinen das Fliegen beibringen möchte, aber nachdem sie mich tagelang unbemerkt, wie sie dachten, beobachtet haben und nicht die Spur von Fliegen oder Flugzeugen feststellen konnten, haben sie uns in Ruhe gelassen. Ich wollte nichts essen und nichts trinken, die ganze Zeit habe ich auf ein Zeichen gewartet.
Und da war es!
Miriam hat etwas in ihrer Babysprache gesagt, das ich nicht verstanden habe, dann hat sie mich zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen Auge lange, lange beobachtet. Ich glaube, sie wollte auf Nummer sicher gehen. Und dann...dann hat sie es mir gezeigt - ihr linkes Bein! Und so beruhigt, dass ich den wichtigsten Beweis habe,
M i r i a m i s t m e i n e S c h w e s t e r!!!!!
ging ich zuerst in die Küche, wo ich lange gegessen habe, dann auf meine Matratze, habe alle Holzstückchen auf dem Boden nochmals zusammengezählt und ausgerechnet, wie viele ich noch nicht erwischt habe, dann bin ich endlich ............
| "Mach schon Platz, du störst mich!", habe ich leise gesagt, damit keiner erfährt, was ich vorhatte. Der Hund aber wollte auf mich nicht hören und so bin ich über ihn geflogen, dass er danach ein gebrochenes Bein hatte. Das hättet ihr sehen müssen! Zuerst hat nur Frau Stratmann geweint, dann auch ihre Kinder und der Hund sowieso. "Woher kam dieser Idiot, er hätte lieber in Mongolien bleiben sollen", so ging es bis zum späten Abend. Mutter hat mich nicht im Stich gelassen, sie hat kräftig zurück geschrien und ich war sehr stolz auf sie. So eine Stimme muss wohl aus den Beinen kommen. Meine Eltern haben diesen Flug bezahlen müssen. Fliegen ist nämlich in Deutschland ein teures Vergnügen. Der Hund wurde bandagiert und verschwand für lange Zeit aus dem Garten. Diesmal flogen Töpfe und ich fragte mich, wer muss eigentlich für solche Flüge aufkommen? Frau Stratmann nannte meine Mutter "besoffene Schlampe" und "Idiotennest", wobei Mutter sie ihrerseits aus Versehen "Hündin" nannte, sie wollte mit Sicherheit "Hundes-Mutter" sagen. Nach diesem Vorfall haben ich und Miriam unsere Pläne vergessen. Mutter hat lange Zeit geweint und ich wollte sie mit Fliegen-Bezahlen-Müssen-Geschichten nicht beschäftigen. Am Abend kam Herr Stratmann, wollte mit Vater sprechen. Beide gingen in die Küche, setzten sie sich an die Rundung und tranken die ganze Zeit, haben über Mutter, über Frau Stratmann und schließlich über Geld und Fußball gesprochen, sangen ein paar Lieder, die auch Frau Stratmann gehört haben muss und sich später als Freunde verabschiedeten. Die Rundung hat deswegen solche Wirkung, habe ich Miriam erklärt, weil sie keine Ecken hat. Sie war von den Ereignissen so sehr aufgeregt, dass ich mich entschieden habe, ihr das Märchen über das Rotkäppchen zu erzählen. Als ich im Wald war, irgendwo mitten in Mongolien, wo es keine Wölfe gab, war Miriam schon eingeschlafen und ich war froh, weil sie es lieber nicht wissen sollte, sonst wäre dieses Märchen kein Märchen mehr. Am nächsten Tag ist etwas Merkwürdiges passiert. Alle aus unserer Straße haben sich gefragt, wer eigentlich die Blumentopfreste weggeschafft hat. Die Müllcontainer waren immer noch voll, und sowohl Mutter als auch Frau Stratmann haben energisch abgestritten, etwas mit dem Aufräumen zu tun gehabt zu haben. Bis zum späten Abend stand vergeblich wenigstens einer von jeder Familie am Fenster in der Hoffnung, mehr zu erfahren. Dass Mutter und Frau Stratmann plötzlich neue Blumen im Garten hatten, hat außer mir und Miriam keiner bemerkt. Das war die Kraft der Lieder, wenn sie von Männern gesungen werden, wenigstens bis zum nächsten Streit. Mit der Zeit wurde der Abstand zwischen Miriam und mir immer kürzer und kürzer. Sie wuchs mit der Geschwindigkeit von Ollis Motorrad, als er seine, meine Oma und den Rest der Welt ärgern wollte. Olli heißt eigentlich anders, aber als Kind habe er ständig über einen Olli, der seine Augen nicht schließen wollte, gesprochen – so lange, dass alle seinen richtigen Name vergessen haben. Er kam später in unsere Straße. Lange Zeit stand das Haus zwischen Frau und Herrn Stratmanns Grundstück und dem Wald leer. Es gab viele Gerüchte, und jedes Mal, wenn man sagte, "Heute kommt der neue Inhaber", stand die ganze........ | |